Birgit Erdmann


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Frankfurter Buchmesse
Ehrengast 2016
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Birgit Erdmann

Birgit Erdmann wurde 1969 in Frankfurt am Main geboren.

Sie studierte Kunstgeschichte und Niederlandistik in Marburg, Berlin und Amsterdam. Danach war sie Mitarbeiterin der Kulturabteilung der Niederländischen Botschaft in Berlin. Seit 2010 ist sie als freie Übersetzerin tätig.

2012 nahm sie teil an der Masterclass Literaturübersetzen (ELV) in Antwerpen unter der Leitung von u.a. Helga van Beuningen, Christiane Kuby und Andrea Kluitmann. 2013 wurde sie nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis mit: Toon Tellegen & Ingrid Godon: Ich wünschte. (mixtvision Verlag)

2013 war sie Stipendiatin der Berliner Übersetzerwerkstatt am LCB unter der Leitung von Thomas Brovot, Mentorin Sophie Zeitz.

2016 wurde sie nominiert für den Katholischen Kinder- und Jugendpreis mit: Toon Tellegen & Ingrid Godon: Ich denke (mixtvision Verlag).

Lesen Sie auch

Jaap Robben 1984, Oosterhout. Ex-Stadtdichter von Nijmegen. Theatermacher. Wollte früher Afrikaner werden.

Übersetzte Bücher

Birgit Erdmann über die ersten Sätze von Jaap Robbens Roman Birk

'In mijn tong jeukten mieren, mijn voeten waren zwaar. Ik stond in mijn zwembroek en met de handdoek om mijn schouders bij de achterdeur. Mama was de keuken binnengekomen, maar had me nog niet aangekeken.'

'Auf meiner Zunge krabbelten Ameisen. Meine Beine waren schwer. In Badehose und mit dem Handtuch um die Schultern stand ich an der Hintertür. Ohne mich anzusehen, war Mama in die Küche gekommen.'

Ich fing zunächst damit an, einfach zu übersetzen, was dort stand. Was stand dort? Die Ameisen juckten noch in der Zunge, die Füße waren noch schwer und Mama war in die Küche gekommen, hatte den Jungen aber nicht angesehen. Also: “In meiner Zunge juckten Ameisen. Meine Füße waren schwer. In Badehose und mit dem Handtuch um die Schultern stand ich an der Hintertür. Mama kam in die Küche, hatte mich aber noch nicht angesehen/sah mich aber noch nicht an.”

Nachdem ich eine Weile über diese Passage nachgedacht hatte, entschied ich mich für: “auf meiner Zunge krabbelten Ameisen”, das verstärkt das Bild, sie kribbeln nicht in, sie krabbeln auf der Zunge. Als Leser fühlt man dieses Gekrabbel sofort. Und Füße sind in Deutschland nicht “schwer”, sondern “dick” oder “geschwollen”. Aber das war nicht, was Jaap Robben meinte, deshalb hat Mikael jetzt “schwere Beine”, wie nach einem langen Tag, nach einer Wanderung, einer Anstrengung.

Der schwierigste Satz aber, war der letzte: “Mama was de keuken binnengekomen, maar had me nog niet aangekeken.” Wieso hat sich der Autor hier plötzlich für das Plusquamperfekt entschieden?

PLUSQUAMPERFEKT
Gut, ich hatte das Buch natürlich gelesen, wusste also, dass Mama häufiger nicht aufschaut oder redet, wenn sie wütend ist. Aber bei diesen ersten Sätzen weiß der Leser das noch nicht. Hier kann keine Rede von einer Vorzeitigkeit sein. Ich nahm deshalb an, der Autor wollte diese Wut unterstreichen, wollte zeigen, dass die Mutter ärgerlich ist. Sonst hätte er doch das Imperfekt gewählt und geschrieben: “Mama kwam de keuken binnen, maar keek mij niet aan” (Mama kam in die Küche, sah mich aber nicht an). Das hat er nicht getan! Und dann noch das “nog niet” (noch nicht); sie hätte es tun können, also weiß sie, dass der Junge an der Tür steht. Darum habe ich nach einer anderen Lösung gesucht, einer neuen Satzkonstruktion: “Mama war in die Küche gekommen, ohne mich anzusehen”. Aber diesem Satz geht irgendwie die Luft aus. Schließlich wurde es: “Ohne mich anzusehen, war Mama in die Küche gekommen.”

Das ist eine Feststellung. Mikael ist klar, dass sie weiß, dass er dort steht, merkt aber auch, dass sie ihn nicht ansieht. Sie ist wütend, weil er so spät nach Hause gekommen ist, und was sie noch wütender macht, ist die Tatsache, dass sein Vater noch immer nicht da ist.

In diesen ersten drei Sätzen wird die Tragödie, die das Leben der beiden fortan bestimmt und vergiftet, eigentlich schon beschrieben. Die Atmosphäre, die das ganze Buch durchdringt, wird mit diesen ersten Sätzen bereits geschaffen.