Eva Schweikart


© Roeland Fossen
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Frankfurter Buchmesse
Ehrengast 2016
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Eva Schweikart

Nach meiner Übersetzerausbildung (Heidelberg) war ich im Verlag tätig. Seit 1997 bin ich freiberufliche Literaturübersetzerin aus dem Niederländischen. Seitdem habe ich ca. 100 Bücher übersetzt. Mein Spektrum ist breit – es reicht von (gereimten) Bilderbüchern über erzählende Kinderliteratur und Sachbücher bis zu historischen und zeitgenössischen Romanen. Nicht zuletzt diese Mischung ist es, die den Übersetzerberuf so reizvoll für mich macht. Ich verfasse außerdem Gutachten und lektoriere übersetzte Romane.

Übersetzte Bücher

Über die ersten zwei Sätze von "Kelderkind" von Kristien Dieltiens und über das Übersetzen historischer Romane

"Het is zover. Vandaag dood ik een mens." So lauten die ersten zwei Sätze von Kristien Dieltiens' Buch "Kelderkind" über den berühmten Findling Kaspar Hauser (auf Deutsch im Juli 2016 unter dem Titel "Kellerkind" beim Verlag Urachhaus erschienen). Klarer und deutlicher geht es nicht, darum habe ich sie so übersetzt: "Es ist soweit. Heute töte ich einen Menschen." Andere Varianten wie etwa "Heute werde ich einen Menschen töten" habe ich nicht lange erwogen, denn die Autorin hat nicht das Futur gewählt – und das mit Bedacht: Der Satz hätte an Kraft eingebüßt. Der Romananfang hat mich deshalb nicht allzu lange beschäftigt, umso mehr die darauf folgende Geschichte.

Die Originalausgabe, beim flämischen Jugendbuchverlag "De Eenhoorn" erschienen, ist keineswegs ein typisches Jugendbuch, sondern ein Roman auch für erwachsene LeserInnen. Dieltiens verbindet das Schicksal Kaspar Hausers mit zwei fiktiven Personen: Michael, der wie Hauser ein Außenseiter ist, weil er seines Aussehens wegen gemieden wird (er hat eine Hasenscharte, damals noch ein "Merkmal des Teufels"), und Isolde, eine verlobte junge Frau, der Hauser sein Tagebuch anvertraut. Die Handlung spielt zwischen 1780 und 1833, und dem hat die Autorin sprachlich Rechnung getragen.

Wie geht man an solch ein Buch heran?

Erst einmal bereue ich. Aber nicht etwa, den Auftrag übernommen zu haben, sondern dass unter den vielen Workshops, die ich besucht habe, keiner zum Thema "Übersetzen historischer Romane" war. Ein Versäumnis, das ich baldmöglichst nachholen werde. Aber mit dieser Erkenntnis ist mir wenig gedient, denn ich muss mit der Arbeit anfangen. So bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen eigenen "Werkzeugkasten" zusammenzustellen.

Als Erstes informiere ich mich über die Literatur zu Kaspar Hauser und merke schnell, dass der Weizen mit Spreu durchmischt ist. Neben seriösen Lebensbeschreibungen und Werken mit Augenzeugenberichten, historischen Dokumenten und Texten von Hauser selbst existieren zahlreiche Bücher mit seltsamen Verschwörungstheorien.

Nachdem ich einige Titel bestellt habe, mache ich mich an die Rohübersetzung. Denn ich will die Geschichte nicht nur auf Papier (bzw. USB-Stick), sondern vor allem im Kopf haben, wenn ich mit dem Lesen der Sekundärliteratur beginne. Als Nächstes folgt die Bearbeitung – die aufwendigste Phase, weil damit ein Großteil der Recherche verbunden ist. Beim Ausformulieren des Rohtextes nutze ich die lexikalischen und syntaktischen Möglichkeiten des Deutschen, wie es heute nicht mehr gebräuchlich ist. Als Übersetzer liest man viel und verfügt deshalb über einen überdurchschnittlichen Wortschatz. Ein Teil davon ist jedoch passiv, ähnlich einer Fremdsprache, die man einmal gelernt hat, aber selten benutzt. Um mich in die Zeit einzfühlen, lese ich drei, vier deutsche Romane, die im frühen 19. Jahrhundert spielen bzw. damals verfasst wurden – darunter natürlich auch das berühmte Buch von Jakob Wassermann ("Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens", 1908). Oft sind es Kleinigkeiten, mit denen sich Atmosphäre schaffen lässt, stelle ich fest, und so schreibe ich zum Beispiel "eilends" statt "eilig, "abermals" statt "wieder", "dereinst" statt "irgendwann", "Schänke" statt "Gasthaus", "allenthalben" statt "überall", "Lenze" statt "Jahre" usw. Nützlich sind mir dabei auch Nachschlagewerke wie das "Lexikon der bedrohten Wörter" (B. Mrozek, Reinbek, 2006).

Anachronismen in historischen Romanen sind fast schon Todsünden. Deshalb ziehe ich ständig meine etymologischen Wörterbücher zu Rate. Und lerne beispielsweise, dass es Wörter gibt, die vor zweihundert Jahren zwar benutzt wurden, aber nur fachsprachlich, etwa "reagieren".

Was mir auch geholfen hat: Ich bin in Süddeutschland aufgewachsen und kenne einige der Handlungsorte. In Nürnberg, wo Hauser 1828 aufgefunden wurde, habe ich sogar ein paar Jahre gewohnt. Dort war ich zu Besuch, kurz nachdem ich erfahren hatte, dass ich "Kelderkind" übersetzen würde. Ein Abstecher ins nahe Ansbach bot sich an, wo ich nicht nur im Kaspar-Hauser-Museum war, sondern auch auf Hausers Spuren gewandelt bin – von der Pfarrstraße, wo er bei einem Lehrer wohnte, vorbei am Gericht, wo er als Schreiber arbeitete, bis zum Hofgarten, wo er im Dezember 1833 den Tod fand.

Auf diese Weise war ich fast ein Jahr mit Kristien Dieltiens' Buch und dem Leben und Schicksal Kaspar Hausers beschäftigt, ein Jahr, das mein Übersetzerdasein bereichert hat.