Ira Wilhelm


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Frankfurter Buchmesse
Ehrengast 2016
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Ira Wilhelm

Ira Wilhelm (1962) studierte Komparatistik in München und ist seit 1994 als literarische Übersetzerin aus dem Niederländischen tätig. Sie lebt in Berlin.

Übersetzte Bücher

Über den erste Satz von Stefan Hertmans' "Der Himmel meines Großvaters": 


Eine literarische Übersetzung besteht im Allgemeinen aus mehr als nur aus der Übertragung des Inhalts von einer Sprache in die andere. Vor allem wenn das Werk – wie Hertmans Der Himmel meines Großvaters aus wohlklingenden Sätzen besteht, die im Gehirn gehörig Dopamin ausschütten, und aus wundervollen Bildern, die freudvolle Reizauslöser sind für das innere Auge. Als Übersetzer freut man sich, wenn man die juste Übersetzung für ein schwieriges Wort im Original endlich gefunden hat, doch reduziert sich das Übersetzen zu oft darauf und macht das Übersetzen und die Beurteilung einer Übersetzung in vielen Fällen zu einer Art Quiz.

Übersetzen ist nicht nur nach-ahmen, sondern in stärkerem Maße auch nach-denken. Gleichzeitig ist das Medium der Sprache voller Gefühl und der Text eine Textur, die der Leser auch mit seinen Fingern erspüren können sollte, will er das Vergnügen an der Hyphologie des Textes (Barthes) erfahren. Doch so wie der Leser bei dieser Theorie als Subjekt verschwindet, löst sich der Übersetzer – macht man diese Theorie zum Ausgangspunkt eines Übersetzungskonzepts – als bloßer Wortfinder im Textgewebe auf. Dieses Konzept weitergesponnen, zielt das übersetzerische Resultat nicht auf eine semantische Deckungsgleichheit mit dem Original, sondern auf eine sentimentale Übereinstimmung, auch wenn diese nur spekulativ sein kann.

Bei solch emphatischem Übersetzen entsteht eine Übereinkunft zwischen dem Original und der Übersetzung somit nicht ausschließlich durch die Äquivalenz der Worte. Aber weil Gefühl etwas Ungreifbares, Subjektives und Transitorisches ist, greife ich zum Kniff, mich der Bilder zu bedienen, in denen gewissermaßen die Gefühle „wohnen“. Claude Lévi-Strauss nimmt Diderots „Brief über die Taubstummen“ zu Hilfe, um darzulegen, dass Malerei nicht nur aus Nachahmung bestehe. Könnte man dies nicht auf das Übersetzen übertragen und behaupten, dass die Übersetzerei nicht nur aus Nachahmen bestehe, sondern eher eine Art des Malens ist? Malen im Sinne der Schaffung einer Farbstimmung, des Setzens von winzigen Akzenten, der Verwischung von Irritationen, die eine wortgetreue Übersetzung hervorrufen würden, des Ausradierens oder Hinzufügens von Worten oder des kreativen Aufbrechens linearer Strukturen wie der Satzkonstruktion des Originals. Bei solchem Übersetzen wäre man dichter an der poetischen Wahrheit eines ganzen „Bildes“ als an der eines buchstabengetreu reproduzierten Textes. Dieses Bild wiederzuerschaffen wäre dann die Aufgabe des Übersetzers.

Um zu illustrieren, auf welche Weise das Gefühl zur Re-kreation eines Bildes dienen kann, ist die Anfangsszene von Stefan Hertmans Der Himmel meines Großvaters gut geeignet. Eine Kindheitsszenerie: Ein sommerlicher Strand. Hier ein Strand im Jahr 1957. Großeltern, Mutter und Kind suchen ihre Sachen zusammen, um nach Hause zu gehen. Der erste Satz des Romans lautet:

De verste herinnering die ik aan mijn grootvader heb, is die aan het strand van Oostende – en man van zesenzestig, keurig in het nachtblauwe pak […].

Die früheste Erinnerung an meinen Großvater führt mich an den Strand von Ostende – ein sechsundsechzigjähriger Mann im dunkelblauen Anzug […].

Meinen eigenen Großvater kenne ich auch nur im Anzug. Doch mein Vater hat mir kürzlich ein lange verloren geglaubtes, sehr altes Album mit Fotos aus seiner Kindheit gezeigt. Auf einem der Fotos ist mein Großvater in Uniform auf dem Nürnberger Parteitag zu sehen. Wenig heldenhaft übrigens, er liegt im Gras und schläft. Ich wusste, dass mein Großvater am Anfang der Bewegung ein Mitglied der Partei gewesen war, das hat mir mein Vater einmal erzählt, er sei aber nach kurzer Zeit wieder ausgetreten. Er habe vielen Menschen während des Krieges geholfen, hat mir ein anderes Mal meine Mutter berichtet. Sollte aber die Tatsache, dass mein Großvater für eine Weile einen zweifelhaften Anzug trug, der überlegte Grund dafür sein, dass ich – die wegen einer knappen deadline eilig übersetzende Übersetzerin – beim Übersetzen eine kränkende Bezeichnung für die Deutschen absichtlich unterschlug, um die Deutschen besser dastehen zu lassen, wie der Autor Stefan Hertmans in einem Interview mutmaßte? Warum sollte ich? Ich bin nur zur Hälfte eine Deutsche, die andere Hälfte ist kreolisch – gewiss kein Grund, um sich für die Deutschen in ihrer schlechtesten Vergangenheit übersetzend einzusetzen! Doch nach dieser Abschweifung zurück zum Bild der Familie am Strand. Es scheint einfach zu sein, sich als Kind an einen Strand zurückzuversetzen, um das Anfangsbild des Romans nachzuerfahren. Doch ich bin als Kind nicht am Strand von Oostende gewesen. Süd-Frankreich, die Adria, das Meer rund um Curaçao, ja, aber kein nördlicher Strand. Also suchte ich meine Vorstellungskraft durch Jacques Tatis Les vacances de Monsieur Hulot zu stimulieren, gezwungenermaßen in Schwarz-Weiß, was keine Einschränkung bedeutete, denn ich hatte ohnehin den Eindruck, dass das ganze Buch in Schwarz-Weiß geschrieben war, von den Gemälden mal abgesehen.
Mein Lieblingsbild in der Anfangsszene ist folgendes, es ist ebenfalls schwarz-weiß:

‘Kom, Gabrielle,’ zegt hij, en zij staan op, nemen hun schoenen in de hand, beginnen een beetje moeizaam aan de klim naar de promenade, hij met zijn broek nog een vijftiental centimeters opgestroopt, zij met haar zwarte kousen in haar schoenen gepropt, zodat ik de vier witte kuiten onder de donkere torso’s traag en gelijkmatig zie bewegen boven het zand.

Schwarze Kleidung und darunter vier weiße Waden, die über dem Sand schweben: ein originelles Bild von Hertmans. Ich nahm mir die Freiheit, mit Hilfe der Setzung eines Punkts – einer kleinen Pause – dieses Bild leicht in den Vordergrund zu rücken. Und so liest sich die deutsche Version:

‘Komm, Gabrielle’, sagt er, und sie erheben sich, nehmen die Schuhe in die Hand und machen sich an den etwas mühsamen Aufstieg zur Promenade hinauf. Noch sind seine Hosenbeine bis zu einer Höhe von ungefähr fünfzehn Zentimetern aufgerollt, und ihre schwarzen Strümpfe stecken in den Schuhen, weshalb ich vier weiße Waden sehe, die sich unter den dunklen Torsi gleichmäßig und träge über dem Sand bewegen.

Es ist wie beim flackernden Schlussbild eines Stummfilms. Man hört das Knattern des Projektors, das letzte Stück Film löst sich von der Rolle und klackert gegen den Apparat – der Sekundentakt der verlorenen Zeit. Bei Hertmans ist das aber nicht das Ende der Vorstellung, sondern der Anfang eines herrlichen Romans.