Tom Struyf


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Frankfurter Buchmesse
Ehrengast 2016
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Tom Struyf

1983, Duffel.
Schriftsteller. Schauspieler. Theatermacher.


Tom Struyf schloss sein Studium an der Theaterakademie in Maastricht im Jahr 2007 ab. Danach arbeitete er unter anderem bei Theater Artemis, HETPALEIS, Onafhankelijk Toneel und detheatermaker. Lüge und Wahrheit sind wichtige Themen für ihn. In seinem Werk spielt er ständig mit beiden, mit den Rollen, die wir alle im Alltag spielen und damit, wie die Fiktion überall auf der Lauer liegt und auf unzählige raffinierte Weisen die Wirklichkeit durchdringt.
Struyf schreibt keine Theaterstücke, er inszeniert Vorstellungen. Er versteht sich selbst nicht ausschließlich als Schriftsteller: während des kreativen Prozesses geht bei ihm das Schreiben synchron einher mit Montagen und Gestaltungen. Seine Vorstellungen De Tatiana Aarons Experience (Onafhankelijk Toneel, 2010) und Vergeetstuk (kc Monty & detheatermaker, 2012) wurden von der Jury von 'Het Theaterfestival' ausgewählt für 'Circuit X'. Das Genre bezeichnet Struyf als „realitytheatervideoperformance“, eine Erforschung der Grenzen von Realität. Er hält seine Erkundungsgänge mit allen verfügbaren Medien fest und legt so den Grundstein für eine minutiöse Rekonstruktion, die als „die Realität“ präsentiert wird. In der Saison 2015/2016 tritt er unter anderem zusammen mit der Tänzerin Nelle Hens auf und ist erneut in Another great year for fishing zu sehen.

Links

  Übersetzungen   http://www.tomstruyf.be

Übersetzte Bücher

Another great year for fishing
Gastspiel, erscheint im Stückemarkt
Übersetzung von Uwe Dethier und Katrin Lohmann
Originaltitel: Another great year for fishing, 2014

Another great year for fishing von Tom Struyf gehört zum Genre der Lecture Performance. Es  gibt einen Ausgangspunkt (eine Beziehungskrise, gefolgt von einem Burnout), ein Thema (die Sinnsuche in der Multioptionsgesellschaft) und eine Form (die des klassischen Storytelling, verknüpft mit Video und Tanz). Struyf tritt selbst als Interpret seines Stücks auf, sekundiert von der großartigen Tänzerin Nelle Hens und einer ganzen Reihe von Spezialisten auf Video. Allein schon die soziologische Präzision der Geschichten und Statements, die Tom Struy f erzählt und einspielen lässt, die geradezu altmodische existenzielle Empfindsamkeit des Autor-Performers gepaart mit seinem Humor würden genügen, den Abend zum Stückemarkt (und überhaupt zu jedem Festival) einzuladen. Struyfs Rhythmusgefühl ist perfekt, er schreibt und performt mit der poetischen Klarheit eines Romans von Paul Auster, und zweifellos ist er einer der besten Erzähler, die die europäischen Bühnen zwischen Rejkjavik und Kairo zu bieten haben. Aber all diese technische Perfektion dient – wie übrigens vor allem Nelle Hens‘ Tanz, der zu Beginn der Performance rätselhaft oder gar dekorativ erscheinen mag – , einer viel weiterführenden Absicht: die Zuschauer in einen Raum jenseits aller Informationen und aller Geschichten zu führen, in einen Raum der Erschöpfung (Struyfs hellblaues Hemd ist am Ende des 80minütigen Abends dunkel vor Schweiß) und damit der Ruhe. Das Stück von Tom Struyf ist, wie man dann plötzlich merkt, zugleich ein Essay (der sich ein Problem greift und es umkreist) und ein
Ritual (das dieses Problem bearbeitet und es, wenn auch nur im Raum der Kunst, aufhebt). Neben der Tatsache, dass Tom Struyf einen wunderbaren, unendlich schönen, wahren, geduldigen und weisen Thea terabend geschaff en und unser Wissen über die Welt und die Menschen erweitert hat, ist „Another great year for fishing“ so ein – man entschuldige den religiösen Terminuserlösendes Ereignis. Wer sich von Struyfs Schlussmonolog, in dem er sich eine (noch) schrecklichere Welt (in der scheiternde Beziehungen nicht mit Therapiesitzungen, sondern zwangsläufig mit dem Tod eines der Partner ausgehen würden) und eine bessere vorstellt (aus der man hinaustreten, komplett und körperlich ins All hinaustreten könnte, um „tatsächlich nachzudenken“), wer sich davon nicht berühren lässt, der hat schlicht und einfach kein Herz. 
Tom Struyf will keine narrative Stringenz, kein Verkopf-Theater – wie er es eigener Aussage zufolge häufig in Deutschland vorfindet – er will das Publikum berühren.

Eva Biringer (nachtkritik.de)